Wundenlecken bei der SV Böblingen nach dem Aus in Ravensburg gegen Friedrichshafen

Keine zweite Runde in Holzgerlingen: Das Bild nach Ende der Verlängerung besaß Symbolcharakter. Die Spieler des VfB Friedrichshafen waren völlig aus dem Häuschen, die Böblinger sanken auf den Ravensburger Rasen, vergruben die Hände im Gesicht, der eine oder andere dürfte auch eine Träne verdrückt haben. Die Arbeit der ganzen Saison in der Fußball-Landesliga, Staffel III, reduzierte sich in diesem Moment auf die 120 Minuten des ersten Relegationsspiels um den Aufstieg. Und das ging trotz eines vermeintlich sicheren 2:0-Vorsprungs 2:4 verloren. Nichts wird es also mit dem Spiel vor der Haustür in Runde zwei am Sonntag in Holzgerlingen gegen Bonlanden-Bezwinger TSV Heimerdingen. Dabei hatte die kommissarische Abteilungsleiterin der Holzgerlinger, Ute Nordmann, vorsorglich schon mal darauf hingewiesen, „dass die Besucher wegen einer gleichzeitig stattfindenden Veranstaltung der Footballer auf dem Kunstrasen die Parkplätze bei Schönbuch-Gymnasium, Schönbuchhalle, Musikhaus und Friedhof benutzen sollen“. Stattdessen findet diese Begegnung im nur wenige Kilometer von Friedrichshafen entfernten Baindt statt. Womit der VfB gleich wieder ein „Heimspiel“ hat. Auch am Mittwochabend war die Zahl der mitgereisten SVB-Anhänger sehr überschaubar – kein Wunder bei 180 Kilometern Entfernung einfach und einem Tag unter der Woche, dazu mitten in den Pfingstferien.

Tragische Figur: Gedankenversunken saß SVB-Trainer Thomas Siegmund hinterher auf der Bank, stapfte ganz allein ein paar Schritte aufs Feld und starrte im Mittelkreis in die langsam versinkende Abendsonne. Jeder im Böblinger Lager versuchte, irgendwie mit der Enttäuschung zurechtzukommen. „Es war ja nicht so, dass wir hier 0:4 hinten lagen und dann 2:4 verloren haben. Wir haben 2:0 geführt, ehe diese individuellen Fehler passierten.“ Und die brachen der SVB letztlich das Genick. Spielerisch fiel Friedrichshafen nach dem 0:2 eher wenig ein, es hatte also nicht viel für diese Wendung gesprochen. Und dann unterliefen ausgerechnet Youngster Alban Dodoli, der nach seiner „Beförderung“ von der A-Jugend so eine herausragende und verlässliche zweite Halbserie gespielt hatte, die ersten beiden Patzer. „Ganz klar die tragische Figur dieses Spiels“, nahm Siegmund den 18-Jährigen in Schutz. Und dachte gleich weiter: Die Rote Karte in der Schlussminute, vielleicht die einzige Fehlentscheidung von Schiedsrichter Philipp Herbst (Nehren) in diesen 120 Minuten, verhindert voraussichtlich, dass Dodoli in den Aufstiegsspielen der A-Jugend zur Verbandsstaffel eingesetzt werden kann.

Ausfälle nicht zu kompensieren: Ebenfalls gravierend war natürlich die personelle Situation vor, während und erst recht nach dem Spiel, als die SVB einem wandelnden Lazarett ähnelte. Philip Kalmbach (ausgekugelte Schulter) trug den Arm in der Schlinge, Tim Kühnel und Fabian Schragner (beide Muskelfaserriss) waren dick bandagiert, Dejan Djordjevic hatte nach seiner Einwechslung nach 35 Minuten schon wieder passen müssen (Schleudertrauma). Kaum einer war ohne Blessuren davongekommen, dazu kamen immer wieder Krämpfe nach den beiden Kraftakten am Samstag in Darmsheim (2:1 in Unterzahl) und jetzt in Ravensburg. Eine vernünftige Elf am Samstag auf die Beine zu stellen, wäre tatsächlich eine echte Kunst gewesen.

Unglückselige Relegation: Damit setzte sich gleichzeitig das fort, was Dieter Schneider unbedingt beenden wollte. „Zweimal gegen Waldhof Mannheim verloren, einmal in Darmsheim gegen Hildrizhausen, einmal in Dagersheim gegen Untermünkheim – die Relegation ist für uns bis jetzt nicht gut gelaufen“, meinte der stellvertretende Abteilungsleiter vor dem Anpfiff. Mit Ravensburg und dem VfB Friedrichshafen kam jetzt ein neues Kapitel dazu.

Kaderplanung rückt in den Vordergrund: „Vielleicht sind wir auch noch nicht so weit“, meinte Innenverteidiger Max Frölich, der auch schon in der Oberliga beim 1. Göppinger SV kickte, mit nachdenklicher Miene. Und fand gleichzeitig aufbauende Worte für seine geknickten Mannschaftskameraden. „Wir haben in dieser Saison den nächsten Schritt gemacht und werden uns mit Sicherheit weiterentwickeln.“ Diese Steilvorlage griff sein Kapitän gerne auf. „Wir können stolz sein auf die Runde mit 70 Punkten“, meinte Fabian Schragner. Und als klare Ansage an die Konkurrenz: „Wir greifen wieder an.“ Nicht mehr dabei sein werden dabei allerdings Philip Kalmbach (zurück zu seinem Heimatverein SpVgg Aidlingen), Torhüter Marijo Milcic (Spielertrainer bei Croatia Sindelfingen) und der Torschütze zum 2:0, Semih Emirzeoglu, der sich vermutlich dem FC Gärtringen anschließen wird. Hinter Marc Hetzel (VfL Sindelfingen?) steht ein Fragezeichen. Diese Lücken zu schließen und wieder einen konkurrenzfähigen Kader zusammenzustellen, wird in den nächsten Tagen und Wochen die Hauptaufgabe von Trainer Thomas Siegmund sein. Aber nicht nur das. „Wir müssen uns im Hintergrund sauber aufstellen“, sagte der 28-Jährige schon vor einem Jahr, meinte damit das Team hinter der Mannschaft. Gelungen ist das bisher noch nicht. Die Position des Abteilungsleiters ist seit vielen Jahren vakant, es gibt nach wie vor keinen Spielleiter, kaum Betreuer und aktuell auch keinen Co-Trainer mehr, denn Matthias Schöll wird die Böblinger A-Junioren übernehmen.

Opa geworden: Wenigstens einer hatte am Mittwoch Grund zur Freude, obwohl er gar nicht dabei war: Mannschaftsbetreuer Rolf Kowalczyk hatte beruflich eine Tour nach Toulouse vor sich, die er nicht absagen konnte. Über den Spielstand hielt er sich auf dem Laufenden, zwischendurch kam dann die Nachricht bei ihm an, dass er glücklicher Opa geworden ist. Es gibt eben doch noch Wichtigeres und Schöneres im Leben als den Fußball.

Quelle: Kreiszeitung Böblingen